Alkoholismus oder jegliche Art von Sucht führt zu einer dysfunktionalen Familiendynamik, wodurch Partner und Kinder des Alkoholikers oftmals co-abhängig werden. Definiert wird Co-Abhängigkeit als ein Muster von Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen, die zur dysfunktionalen Familiendynamik beitragen.

Wenn du mit einem suchtkranken (oder auch psychisch kranken/missbräuchlichen) Elternteil aufgewachsen bist, weißt du, wie schwer das ist. Und du weißt auch, dass alle Familienmitglieder davon betroffen sind.

Im Laufe der Zeit beginnt die Familie, den Status quo – die Dysfunktion – beizubehalten. Es entwickeln sich starre Familienregeln und -rollen, die dazu beitragen, dass das suchtbelastete Familiensystem aufrechterhalten bleibt.

Diese Familienregeln zu verstehen, kann dir helfen, dich von erlernten Mustern zu befreien, dein Selbstwertgefühl wiederherzustellen und gesündere Beziehungen aufzubauen.

Was ist eine dysfunktionale Familie?

Alkoholbelastete Familien lassen sich meistens nicht an der äußeren Fassade erkennen – diese kann auf Außenstehende oft sehr harmonisch wirken. Aber selbst wenn eine Familie nach außen „gut“ oder ganz „normal“ erscheint, können sich dahinter ungesunde Dynamiken verbergen, die viel Schaden anrichten.

Typische Merkmale für eine dysfunktionale Familie sind unter anderem:

  • Liebe ist an Bedingungen geknüpft („Wenn-Dann-Liebe“)
  • Emotionale Defizite (Kritik und Verspottung statt Lob und Anerkennung)
  • Schlechte Vorbildfunktion der Eltern
  • Persönliche Grenzen werden überschritten
  • Schlechte Kommunikation
  • Rollenumkehrung (Kind übernimmt Elternrolle)
  • Emotionaler als auch körperlicher Missbrauch

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Alkoholikerfamilie: Unberechenbarkeit, Chaos und Unsicherheit

Dysfunktionale Familien neigen dazu, unberechenbar, chaotisch und für Kinder manchmal beängstigend zu sein.

Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder Sicherheit. Sie entsteht, wenn Kinder sich darauf verlassen können, dass sie von ihren Eltern rundum behütet werden.

Das heißt, wenn auf ihre körperlichen Bedürfnisse (Nahrung, ein Dach über dem Kopf, körperliche Unversehrtheit) und emotionalen Bedürfnisse (Nähe, Anerkennung, Unterstützung) ausreichend eingegangen wird.

Diese Sicherheit ist in einer alkoholbelasteten Familie häufig nicht gegeben.

Die Eltern sind nicht in der Lage, ihre Pflichten zur Versorgung, zum Schutz und zur Pflege ihrer Kinder ausreichend zu erfüllen. Zu sehr dreht sich ihr Alltag um das Suchtmittel, sodass der Fokus nicht auf die Kinder gelegt werden kann.

Die Bedürfnisse solcher Kinder werden oft vernachlässigt oder missachtet, sodass sie gezwungen sind, schon früh Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Kinder brauchen auch Struktur und Routine, um sich sicher zu fühlen. Sie müssen wissen, was sie erwarten können und was nicht. In suchtbelasteten Familien gibt keine klaren Regeln oder realistische Erwartungen. Manchmal herrschen zu strenge oder willkürliche Regeln oder die Kinder erhalten zu wenig Aufsicht.

Außerdem empfinden Kinder aus Alkoholikerfamilien das Verhalten ihrer Eltern oft als unberechenbar. Sie leben in ständiger Angst, ihre Eltern zu verärgern oder die Wut und den Missbrauch ihrer Eltern zu entfesseln.

Zum Beispiel hatte ich als Kind oft die Angst, von der Schule nach Hause zu kommen, weil ich einfach nie wusste, welche Situation oder Stimmung ich zu Hause vorfinden werde.

In dysfunktionalen Familien neigen Erwachsene dazu, sich so sehr mit ihren eigenen Problemen und Schmerzen zu beschäftigen, dass sie ihren Kindern nicht das geben können, was sie brauchen:

Beständigkeit, Sicherheit und bedingungslose Liebe.

Infolgedessen fühlen sich Kinder verunsichert, ängstlich und nicht liebenswert. Und die Erfahrung zeigt: Diese Gefühle begleiten sie oft bis ins Erwachsenenalter.

Das Gefühl unwichtig und nicht liebenswert zu sein

Mitglieder dysfunktionaler Familien wissen einfach nicht, wie sie auf gesunde Weise mit Gefühlen umgehen sollen.

Der Elternteil, der sich ständig mit den Problemen seines suchtkranken Partners befasst, hat nicht die Zeit und Energie, die Gefühle seiner Kinder wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Kinder bekommen dadurch das Gefühl, dass ihre Gefühle keine Rolle spielen.

Dies beeinträchtigt massiv ihr Selbstwertgefühl und führt dazu, dass sie sich unwichtig und der Liebe und Aufmerksamkeit unwürdig fühlen.

Kinder in suchtbelasteten Familien lernen auch nicht, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, zu schätzen und auf sie zu achten. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, die Gefühle anderer Menschen zu erkennen und zu steuern – oftmals hängt ihre Sicherheit davon ab.

In unserer Familie gab es immer viele Auseinandersetzungen. Dementsprechend habe ich als Kind immer darauf geachtet, wie meine Eltern sich verhalten, um weitere Streitereien zu vermeiden.

Zum Beispiel habe ich früh gelernt, mich in meinem Zimmer zu verstecken, wenn Mama und Papa anfingen zu zoffen. Oder auch, dass ich die ersehnte Zuneigung von meiner co-abhängigen Mutter erhalte, wenn ich sie nach einer Auseinandersetzung mit meinem Vater tröste.

Kinder alkoholkranker Eltern lernen, sich auf die Gefühle anderer Menschen einzustellen und im Gegenzug ihre eigenen Gefühle zu unterdrücken.

Eltern mindern das Selbstwertgefühl eines Kindes manchmal auch durch abfällige Äußerungen oder scharfe Kritik. Suggeriert wird dadurch „Du bist nicht gut genug“ oder „Du kannst gar nichts richtig machen“ – das Fatale: Kinder glauben uneingeschränkt alles, was ihre Eltern ihnen sagen.

Wenn dein Vater dich also damals als „dummes Mädchen“ oder „böser Junge“ bezeichnet hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du diesen Glaubenssatz seit deiner Kindheit in dir trägst.

Wenn wir anfangen, unser eigenes Leben zu leben, beginnen wir, einige dieser negativen Dinge zu hinterfragen, die uns als Kinder erzählt wurden. Uns wird dann klar, dass vieles davon nicht stimmt.

Trotzdem bleiben diese „Überzeugungen“ noch sehr lange an uns haften.

Der emotionale Stich dieser verletzenden Worte und abfälligen Botschaften bleibt in uns verborgen, auch wenn wir logischerweise wissen, dass wir nicht dumm oder böse sind.

3 unausgesprochene Regeln in dysfunktionalen Familien

Regel Nr. 1: Sprich nicht

Wir sprechen nicht über unsere familiären Probleme – weder untereinander noch mit Außenstehenden. Am besten ist es, die Probleme zu leugnen oder gar nicht erst wahrzunehmen.

Die Botschaft lautet: „Benimm dich, als sei alles in Ordnung – und stell sicher, dass alle anderen glauben, dass wir eine völlig normale Familie sind.“

Dies ist äußerst verwirrend für Kinder, die das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt, was aber niemand benennt. Kinder schließen daraus oft, dass sie nicht in Ordnung oder selbst das Problem sind.

Da niemand über die Sucht oder das Problem sprechen darf, wird die Familie von Geheimnissen und Scham geplagt. Vor allem Kinder fühlen sich dann einsam und hoffnungslos.

Heute weiß ich es besser, aber damals habe ich mir immerzu vorgestellt, dass ich mit meinem Problem alleine bin und niemand sonst das durchlebt, was ich erlebe.

Regel Nr. 2: Vertraue nicht

Kinder suchtkranker Eltern entwickeln kein Vertrauen und keine Sicherheit, weil sie keine Beständigkeit oder Stabilität erfahren. Die Eltern sind nachlässig, emotional abwesend, brechen Versprechen und erfüllen ihre Verantwortung nicht.

Nicht selten kommt es sogar so weit, dass Kinder nicht ausreichend vor Gewalt oder Missbrauch geschützt werden. Infolgedessen lernen Kinder, dass sie anderen – auch ihren Eltern – hinsichtlich ihrer Bedürfnisse nicht vertrauen können.

Das Verhalten abhängiger Eltern ist unberechenbar und steht sehr oft im Widerspruch zu dem, was sie sagen. Mein Vater hat beispielsweise immer wieder hoch und heilig versprochen: „Ich höre mit dem Trinken auf.“ Dieses Versprechen konnte er allerdings nie halten.

So ein Verhalten führt bei Kindern dazu, dass sie von vornherein nicht erwarten, dass ihre Eltern sich an Abmachungen halten. Im Erwachsenenalter gehen diese Kinder davon aus, von niemanden Zuverlässigkeit erwarten zu können. Sie fürchten sich vor Enttäuschungen und können zu anderen Menschen nur schwer Nähe zulassen.

Die „Vertraue nicht“ Regel hält die Familie isoliert und vermittelt Kindern das Gefühl, dass sie im Außen keine Hilfe erbitten dürfen. Sich einer außenstehenden Person anzuvertrauen ist beschämend und könnte die Situation innerhalb der Familie sogar verschlimmern.

Ich hatte als Kind oft den Gedanken, dass wenn ich „unser Geheimnis“ nicht wahre, Mama und Papa sich scheiden lassen und ich in einem Pflegeheim untergebracht werde.

Kinder können selten bis gar nicht die Erfahrung machen, dass es hilfreich sein kann, sich mit anderen Menschen über Probleme auszutauschen und dabei nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Regel Nr. 3: Fühle nicht

Ein weit verbreitetes Phänomen unserer Gesellschaft ist es, negative Emotionen zu unterdrücken. Besonders in suchtbelasteten Familien sind Gefühle wie Wut, Trauer und Angst unerwünscht und werden nicht offen zum Ausdruck gebracht.

Das Unterdrücken schmerzhafter oder verwirrender Gefühle ist eine Bewältigungsstrategie, die von allen Familienmitgliedern einer Alkoholikerfamilie angewendet wird.

Kinder entwickeln den Glauben, es sei besser, seine Gefühle zu verleugnen, als anderen zu zeigen, wie es wirklich in ihnen aussieht. Dies kann so weit gehen, dass sie irgendwann wirklich nicht mehr wissen, was für Gefühle sie haben.

Nicht selten sind auch als Erwachsener taub für ihre eigenen Emotionen.

Und manchmal ist Wut das einzige Gefühl, dass Eltern zum Ausdruck bringen. Kinder lernen schnell, dass der Versuch, die eigenen Gefühle auszudrücken, bestenfalls dazu führt, dass sie ignoriert werden und im schlimmsten Fall zu Gewalt, Schuld und Scham.

Kinder erleben auch, wie ihre Eltern ihre Gefühle mit Alkohol betäuben. Sie lernen dadurch, ihre Gefühle zu verdrängen, sich selbst zu betäuben und sich vom Schmerz abzulenken. Es ist längst bekannt, dass Kinder alkoholkranker Eltern hochanfällig für Abhängigkeiten sind und oft ernsthafte Probleme haben, sich im Leben zurechtzufinden.

Die Regeln brechen

Diese drei Regeln zu brechen, bedeutet zu heilen. Heute bist du nicht mehr von deinen Eltern abhängig. Du hast dein Leben selbst in der Hand und kannst somit die alten Regeln neu aufsetzen:

Regel Nr. 1: Sprich über deine Gefühle und Erfahrungen

Du kannst Gefühle wie Scham, Isolation und Einsamkeit abbauen und gesündere Beziehungen aufbauen, wenn du anfängst, deine Gedanken und Gefühle mit vertrauenswürdigen Menschen zu teilen.

Deine Probleme anzuerkennen und darüber zu reden ist das Gegenteil von Verleugnung. Es befreit dich nicht nur, es öffnet auch die Tür zur Lösung und Heilung.

Regel Nr. 2: Vertraue anderen und setze gesunde Grenzen

Vertrauen kann beängstigend sein, vor allem, wenn du in der Vergangenheit von Menschen immer wieder enttäuscht wurdest. Es braucht Zeit, um zu lernen, sich selbst als auch anderen zu vertrauen.

Vertrauen ist die Basis jeder gesunden Beziehung. Als auch gesunde Grenzen, die sicherstellen, dass du respektiert wirst und deine Wünsche erfüllt werden.

Regel Nr. 3: Fühle alle deine Gefühle

Ob Wut, Trauer, Angst, Scham, Euphorie, Zufriedenheit, Freude oder Dankbarkeit: Du darfst ausnahmslos alles fühlen.

Als Kind eines Alkoholikers ist man allerdings oft abgespalten von den eigenen Gefühlen. Es braucht daher Übung, um mit seinen Emotionen in Kontakt zu kommen und ihren Wert zu erkennen.

Der erste Schritt ist, immer mal inne zu halten und sich zu fragen: „Wie fühle ich mich gerade?“ Und sich im gleichen Moment versichern, dass jedes Gefühl wichtig und berechtigt ist. Dabei musst du dich nicht auf Scham, Angst und Trauer beschränken.

Wie gesagt, du darfst alle Emotionen fühlen und du brauchst auch niemanden, der dir deine Gefühle bestätigt. Es gibt nämlich keine „richtigen“ oder „falschen“ Gefühle. Für den Moment kannst du deine Gefühle einfach da sein lassen.

Was auch immer das Gefühl ist, ob Schmerz oder Freude – es ist ein Geschenk und seine Schönheit liegt darin, dass es dir zeigt, dass du lebendig bist. Marshall B. Rosenberg

Und mit der Zeit wirst du merken, dass du ein immer besseres Gespür für dich selbst bekommst. Sodass sich deine alten Kindheitswunden schließen und du Heilung erfahren kannst. Dein glückliches und befreites Leben wartet auf dich. Mach noch heute den ersten Schritt!

Andere hilfreiche Artikel:

Wenn du aktuell Probleme im Umgang mit einem alkoholkranken Familienmitglied hast und wissen willst, wie du typische Fehler vermeiden kannst, dann lade dir unbedingt mein kostenloses E-Book runter.

Weitere Infos dazu findest du hier: „10 Taktiken, die jeder Angehörige eines Alkoholikers kennen muss“

Kennst du schon die Cosucht Frei Community für Kinder alkoholkranker Eltern auf Facebook? Trete jetzt bei für einen wertvollen Austausch mit Gleichbetroffenen und ein selbstbestimmteres Leben!


Grundlage dieses Artikels bildet das Buch „It will never happen to me“ von Claudia Black. Foto: unsplash.com

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6 Kommentare
  • Nihan
    Antworten

    Vielen Dank für den überaus interessanten Artikel! Ich denke, die einzige wahrhaftige Einsicht, die mir dieser Artikel gibt, ist, dass ich als heute erwachsene Person über mich selbst entscheide und nicht mehr das kleine Kind bin, das dem Fehlverhalten meiner Eltern schutzlos ausgeliefert ist. Das gibt einem doch unfassbar viel Kraft und Freiheit – Wind unter den Flügeln?

  • Axel
    Antworten

    Liebe Mel,
    Dein Blog befasst sich endlich einmal mit einem Thema, das bestimmt für hunderttausende, wenn nicht Millionen Nachkommen süchtiger Eltern allein in Deutschland betrifft. Es ist aber auch eine verschwiegene Thematik, die sehr selten angesprochen wird, ganz im Gegensatz zu missbrauchten Kindern. Dabei halte ich das Erleben und Überleben solcher kindheiten mittlerweile für etwas, das einem Kind unbedingt erspart bleiben sollte.
    Die Forschung über resilienz zeigt aber auch, dass es etwa 50-60% Kinder mit teils massiven Problemen gibt, während der Rest mehr oder weniger resilient ist. Das mehr oder weniger lässt sich mit einem Muskel vergleichen – die einen haben kräftige Muskeln, die Sie weniger trainieren müssen, andere müssen mehr schwitzen- und wieder andere haben einfach nicht die Grundlagen, einen wirklich kräftigen Muskel zu entwickeln.
    Gerade solche Menschen müssten geschützt werden, denn für diese Personen ist ein Leben in Alkoholikerfamilien hochriskant. Selbst schuld, wenn sie sich mit 50 umbringen? Selbst schuld, wenn sie Leberzirrhose bekommen? Selbst schuld an den zerrütteten Beziehungen, geschiedenen Familien mit traurigen Kindern? Nö, resilienz ist m.E. eine Gabe, eine genetische positive Disposition.
    Aber eine reale Chance hätten solche Menschen, wenn sie – so traurig es für sie erstmal wäre – aus den Familien rausgeholt würden…
    LG Axel

    • Mel
      Antworten

      Lieber Axel,
      danke für deinen Kommentar!

      Da gebe ich dir Recht, ich hatte das Glück genetisch gesehen bereits mit einer höheren Resilienz ausgestattet gewesen zu sein. Das hat mir ohne Zweifel enorm dabei geholfen, meine Kindheit zu verarbeiten. Andere viele wiederum, entwickeln tiefe Depressionen, psychische Störungen oder werden sogar selbst suchtkrank. Aber Neurowissenschaftler sind sich darüber einig, dass Resilienz erlernt werden kann. Dazu gehört unter anderem, dass man lernt, sich nicht für den Alkoholismus der Eltern die Schuld zu geben oder auch nach Hilfe zu fragen und sie anzunehmen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wenn man sich allen Einflüssen aus der Kindheit bewusst wird, darüber spricht und bereit ist, an sich zu arbeiten, dem Weg in ein gesundes Leben nichts im Wege steht 🙂 Es fängt alles mit Aufklärung an.

      Liebe Grüße, Mel

      • Axel
        Antworten

        Liebe Mel,
        vielen Dank für Deine Antwort, hat mich sehr gefreut! Es ist unheimlich wichtig, eine Plattform zu bieten, so wie Du es tust, unwidersprochen. Und ja, man hat sein Schicksal im wesentlichen selbst in der Hand und kann – wenn man einigermaßen gesund und damit psychisch kräftig/“grund-resilient“ ist – über Arbeit an sich selbst sehr viel erreichen. Ich habe dies zweimal in meinem Leben erleben dürfen und es war wie ein Lottogewinn, alles selbst in den Griff zu bekommen Das ist die eine Seite. Dies war aber nur möglich, weil ich medikamentös die Auswirkungen von bipolarer Prägung (BIP 2) unter Kontrolle brachte – sonst hätte ich die Kraft für diese „Arbeit“ nicht aufgebracht. Diese Grunderkrankung dürfte auch in der Familie liegen, denn Symptome dafür reichen weit zurück (Vater, Großonkel). Darin lag wohl auch einer Hauptgründe, warum mein Vater getrunken hat. Insofern ist eine Wurzel identifiziert, die, wenn man sie vernichten könnte, auch das darauf wachsende Unkraut nicht (mehr) entstehen ließe.
        Ich durfte viele Jahre gesund und souverän leben, bis das Medikament seine Wirkung langsam verloren hat, hatte aber das Glück, dass ich nach 3 Jahren schlimmer Probleme wieder ein Medikament fand, das wirkte. Das hat mir persönlich bewiesen, dass die Gemengelage „psych. Probleme/Behinderung – Alkoholismus – Zwang zur (Selbst-) Therapie“ vielschichtig ist, und lang nicht in jedem Fall nur durch Arbeit an sich selbst aufgelöst werden kann;
        Aber: warum lässt es die Gesellschaft überhaupt so weit kommen, dass Kinder übles durchmachen – um dann später mit viel Schmerz das, was andere angerichtet haben, wieder auszutreiben? Das sehe ich kritisch! Wenn es uns gelänge, das Thema mehr ins Bewusstsein zu rücken, dann ließe sich vielleicht doch die eine oder andere „Karriere“ verhindern oder abmildern. Aber genau dieses Thema wird wie glühende Kohle behandelt – man fasst es höchst ungern an. Klar, es ist rechtlich sehr schwierig, ein Kind aus einer Familie zu holen, wenn noch nichts schlimmeres passiert ist, aber ich denke schon, dass man die Situation deutlich verbessern kann, wenn die Gesellschaft sensibilisiert wäre. Michelle Heerhaus hat dies mit Platzspitzbaby in der Schweiz gut vormachen können, aber da ging es um Opiatabhängigkeit. Mein großes Ziel: Medien für das Thema interessieren, und wenn es erst mal in den Diskussionsrunden ist, wäre ein erster Schritt geschafft. Selbstverständlich ergänzend, denn Bedarf für Plattformen wie Deine gibt es ja trotzdem – und es wäre eher vermehrt benötigt. Es wäre schön, wenn wir uns einmal austauschen könnten!
        LG Axel

  • Silviu Reghin
    Antworten

    Sehr interessanter Beitrag! Ich selbst bin in genauso einer Situation aufgewachsen und die im Artikel genannten Punkte spiegeln sehr viel aus meiner Kindheit wieder.

    Allerdings muss ich sagen, dass ich womöglich nur aufgrund meiner Kindheit eine starke Resilienz entwickeln konnte. Was mir wiederum große Vorteile im Leben gebracht hat. So gesehen kann man auch daraus etwas positives ziehen.

    Vor allem der Punkt, dass über Probleme nicht gesprochen wird, ist denke ich für ein Kind sehr schwierig. Ich hatte in meiner Jugend sehr große Probleme und kannte es nicht, mich jemanden anzuvertrauen. Glücklicherweise habe ich durch eine langen Prozess der Selbstreflexion und Perslnlichkeitsentwicklung, die Narben der Kindheit aufgearbeitet.

    Mein kleiner Bruder schaffte es leider nicht, was zu einem Suizid geführt hat.

    Deine Arbeit ist äußerst wichtig und wertvoll! Ich hoffe du erreichst ganz viele Menschen damit.

    Liebe Grüße
    Silviu

    • Mel
      Antworten

      Lieber Silviu,

      vielen Dank für dein Feedback <3
      Du sprichst einen sehr wichtigen Punkt an und zwar die Resilienz. Ich empfinde es ähnlich wie du, die Alkoholkrankheit meines Vaters hat mir die nötige Kraft und Ausdauer gegeben, um die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und glücklich zu werden.
      Dein Bruder hat diese Resilienz vermutlich nicht so gut entwickeln können, wie du :/ Aber das Gute ist, Resilienz ist kein "Talent" mit dem man geboren wird oder nicht, man kann es erlernen und jede Krise als Chance zum persönlichen Wachstum nutzen.
      Ich finde es toll, wie du trotz allem deinen Weg gehst!
      Liebe Grüße, Mel

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