Alkoholismus wirkt sich nachhaltig auf Kinder aus

Viele erwachsene Kinder von Alkoholikern (kurz: EKA) unterschätzen die Auswirkungen, die in einer alkoholbelasteten Familie entstehen. Vielleicht ist es Wunschdenken. Vielleicht ist es auch einfach Ablehnung durch die Tatsache, dass wir unsere Vergangenheit hinter uns lassen möchten.

Wahrscheinlicher ist aber das tief sitzende Schamgefühl und die Unwissenheit, dass erwachsene Kinder von Alkoholikern mit bestimmten Problemen zu kämpfen haben.

Als erwachsenes Kind eines Alkoholikers fühlst du dich irgendwie anders.
Du spürst, dass in deinem Leben etwas nicht ganz stimmt – weißt aber nicht genau was.

Jahrelang versuchte ich mein Leben in den Griff zu bekommen und bekam immer wieder zu spüren, dass mir das nicht gelingen wollte. Ich war nie wirklich zufrieden, lebte mit einer depressiven Grundstimmung und fühlte mich verloren und energielos.

Als ich anfing, mich mit meiner Kindheit auseinanderzusetzen, hatte ich allerdings eine sehr tröstliche Erkenntnis: Ich war nicht alleine mit meinen Problemen und es gab noch viele andere da draußen, die so fühlten wie ich.

Du kannst nicht vor deiner Vergangenheit weglaufen

Als ich die Schule fertig hatte, konnte ich es kaum erwarten für das Studium in eine andere Stadt zu ziehen. Endlich von zu Hause weg sein, mein eigenen Leben genießen und vor allem:

Nicht mehr tagtäglich den Strapazen ausgesetzt sein, die die Alkoholsucht meines Vaters mit sich zog.

Es war an der Zeit, all das Dunkle aus meiner Kindheit hinter mir zu lassen und endlich glücklich zu werden. Aber egal wie sehr ich mich anstrengte, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben lebte ich trotzdem nicht.

Erst Jahre später begriff ich, dass sich die Auswirkungen von damals nicht einfach in Luft auflösten, nur weil ich mein Elternhaus verließ.

Wenn du in einer suchtbelasteten Familie aufgewachsen bist, hat das einen großen Einfluss auf dich.
Und das volle Ausmaß wird oft erst viele Jahre später realisiert.

Wir entwickeln in unserer Kindheit bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Beziehungsmuster, die uns dabei helfen, mit einem alkoholkranken Elternteil zurechtzukommen. Diese Merkmale und Muster tragen wir auch weiterhin als Erwachsene in uns.

Sie begleiten uns mit auf die Arbeit, in Freundschaften, Beziehungen sowie Elternschaft. Auch die vertrauten Gefühle wie Angst, Scham und Wut verschwinden nicht einfach. Oftmals leiden wir dann unter Gereiztheit, Stress und Beziehungsproblemen.

Viele sind zielstrebige Perfektionisten und sehr erfolgreich im Job – erleiden dann aber irgendwann ein Burnout. Manche haben extreme Schlafstörungen oder erkranken an einer schweren Depression.

Einige gelangen immer wieder an einen suchtkranken Partner und werden co-abhängig. Nicht wenige greifen selbst zur Flasche oder anderen Drogen, weil sie nicht anders mit ihren Probleme umzugehen wissen.

Die Auswirkungen durch das Aufwachsen in einer Suchtfamilie sind wirklich vielfältig.

Eine alkoholbelastete Familie ist chaotisch und unberechenbar

Kinder sehnen sich nach Sicherheit und brauchen Stabilität, um behütet aufzuwachsen. Ihre Bedürfnisse müssen erfüllt werden, damit sie sich geborgen fühlen und sich letztendlich auf gesunde Art entwickeln.

Dies ist in einer dysfunktionalen Familie nicht gegeben.

Alkoholkierfamilien befinden sich ständig im Überlebensmodus. Die Suchtprobleme des Betroffenen stehen im Mittelpunkt der Familie, während die Krankheit über viele Jahre verleugnet wird.

Alle Familienmitglieder sind bemüht, die Familiensituation halbwegs stabil und in Ordnung zu halten. Der Schein einer intakten Familie wird nach Außen mit aller Kraft bewahrt.

Als Kind konnten wir die Sucht nicht wirklich verstehen, also gaben wir uns selbst die Schuld. Wir waren verwirrt, weil die Disharmonie die wir erfahren haben, einfach nicht mit dem übereinstimmte, was uns von den Erwachsenen vermittelt wurde – nämlich, dass alles in Ordnung ist und normal ist.

Unser Zuhause konnte beängstigend und gruselig sein.

Süchtige sind oft unberechenbar und ihren Kindern gegenüber manchmal missbräuchlich – sowohl emotional als auch körperlich. Wir wussten nie, welche Situation oder Stimmung wir zu Hause vorfinden würden, wenn wir von der Schule kamen.

Ständig waren wir dieser Ungewissheit und dem damit verbundenen Stress ausgesetzt. Nicht selten kam es zu Streitereien und Problemen. Permanente Anspannung gehörte für uns einfach zum Alltag dazu.

Erschaffe ein Leben, dass sich im Inneren gut anfühlt, nicht eins, das nur von außen gut aussieht. – Unbekannt

Wenn du in einer Alkoholikerfamilie aufgewachsen bist, bist du unsicher und sehnst dich nach Akzeptanz und Anerkennung. Das ständige Lügen und die Manipulation deiner Eltern machen es dir heute schwer, anderen Menschen aufrichtig zu vertrauen.

Du arbeitest hart und versuchst immer, deinen Wert zu beweisen und andere glücklich zu machen. Du hast auch Probleme, deine Gefühle und Gedanken auszudrücken, da du in deiner Kindheit gelernt hast, dass du dich damit besser zurückhältst.

Deine Kindheit war geprägt von Unkontrollierbarkeit und Unberechenbarkeit. Dadurch versuchst du, so ziemlich alles und jeden zu kontrollieren – auch deine Beziehungen. Das ist nicht nur ziemlich viel, sondern auch unglaublich anstrengend und energieraubend.

10 Dinge, die dich als erwachsenes Kind eines Alkoholikers immer noch begleiten

1. Scham und Einsamkeit

Die Autorin Brené Brown definiert Scham als „äußerst schmerzhaftes Gefühl bzw. die äußerst schmerzhafte Erfahrung zu glauben, dass wir fehlerhaft sind und deshalb keine Liebe und Zugehörigkeit verdienen.“ Dieses gewohnte Gefühl aus der Kindheit führt dazu, dass du dich schnell selbst verurteilst und das Gefühl hast, nicht okay zu sein.

Eine der stummen Regeln in einer Alkoholikerfamilie ist: „Sprich nicht“. Man spricht untereinander weder über den Alkoholismus noch über andere Probleme. Und vor allem nach Außen spricht man nicht darüber – das dunkle Familiengeheimnis ist viel zu beschämend.

Wenn du tief im Inneren glaubst, der Liebe unwürdig zu sein, kannst du dich selbst nicht lieben.
Du erlaubst dir insgeheim nicht, dich von anderen aufrichtig lieben zu lassen.

2. Schwierigkeiten zu vertrauen

Du wurdest in deiner Kindheit mehrmals im Stich gelassen und verletzt. Es ist somit ganz natürlich, dass du dein Herz aus Selbstschutz verschließt.

Menschen zu vertrauen (einschließlich dir selbst) fällt dir schwer. Du kannst dich nicht richtig fallen lassen und hältst dich emotional zurück. Dies führt auch dazu, dass du dein wahres Selbst nicht vollständig offenbarst, was wenig Intimität nach sich zieht.

Das Verhältnis zu deinem Partner geht nicht in die Tiefe und du fühlst dich trotz Beziehung einsam.

3. Scharfe Selbstkritik

Von außen hast du immer wieder vermittelt bekommen, dass du nicht gut genug oder wenig liebenswert bist. Du glaubtest damals, dass du nicht in Ordnung und für die Probleme innerhalb der Familie verantwortlich bist.

Durch diese in der Kindheit verinnerlichten Glaubenssätze bist du sehr hart zu dir selbst und hast Schwierigkeiten, dir selbst zu vergeben. Da du glaubst, nicht wertvoll zu sein, fällt dir auch das Praktizieren von gesunder Selbstliebe schwer.

4. Starre und Inflexibilität

Mit Veränderungen jeglicher Art tust du dich schwer. Routinen geben dir ein Gefühl von Sicherheit, und Gewohnheiten helfen dir dabei, dich im Alltag gut zu fühlen. Plötzliche Planänderungen oder etwas, dass sich deiner Kontrolle entzieht, kann Ängste und Unsicherheiten in dir auslösen.

Selbst wenn du weißt, dass eine Veränderung unausweichlich für dein Glück ist, ist die Angst vor Veränderung meistens größer. Lieber nimmst du das Unglücklichsein in Kauf, anstatt etwas in deinem Leben zu verändern.

5. Es anderen recht machen

Du hast ein starkes Bedürfnis, von anderen Menschen gemocht und akzeptiert zu werden. Das ist darauf zurückzuführen, dass du in deiner Kindheit Ablehnung, Vernachlässigung und Missbrauch ausgesetzt warst.

Es anderen Recht machen zu wollen ist auch eine unbewusste Taktik, um Konflikte zu vermeiden. Streitereien die dir aus der Kindheit allzu vertraut sind und die damit verbundene schmerzhafte Erfahrung willst du um jeden Preis verhindern.

6. Perfektionismus

Du versuchst in jeglicher Hinsicht perfekt zu sein, um Kritik durch andere (oder dich selbst) zu vermeiden. Damit stehst du ständig unter dem Druck, dich und deine Person unter Beweis stellen zu müssen.

Trotzdem stellst du fest, dass deine Leistungen nicht zufriedenstellend sind. Deiner Meinung nach gibt es immer etwas auszusetzen. Du möchtest immer besser werden und setzt dir entsprechend immer höhere Ziele.

7. Hohe Sensibilität

Du bist eine sensible und empathische Persönlichkeit, die ihre Gefühle aber weitgehend unterdrückt. Trotz deiner mitfühlenden und fürsorglichen Art fällt es dir schwer, mit deiner Sensibilität gut zurechtzukommen.

Du kannst nicht gut mit Kritik umgehen, da du sie schnell persönlich nimmst. Du fühlst dich dann abgelehnt und nicht gut genug.

8. Starkes Verantwortungsbewusstsein

Schon sehr früh musstest du notgedrungen Verantwortung für deine Eltern übernehmen. Das können Einkäufe, Organisation oder sonstige Erledigungen gewesen sein.

Auch auf emotionaler Ebene musstest du vielleicht Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel indem du deine Geschwister getröstet hast, wenn deine Eltern stritten.

Da du das nicht anders gewöhnt bist, übernimmst du auch weiterhin Verantwortung für die Gefühle anderer oder versuchst, ihre Probleme zu lösen.

9. Ängste

Kinder alkoholkranker Eltern tragen eine tief sitzende Angst in sich. Die traumatischen Ereignisse in der Kindheit führen dazu, dass du immer auf der Hut bist und in ständiger Wachsamkeit. Oftmals spürst du Probleme, wenn keine vorhanden sind. Du bist die meiste Zeit nervös, angespannt und voller Sorgen.

Diese Angst hält dich gefangen. Immer wenn du versuchst eine der oben genannten Punkte zu beheben, kommt die Angst wieder in dir auf.

10. Sich um andere kümmern und sie retten

Oft musstest du dich um deine Eltern oder Geschwister kümmern, als du selbst noch ein Kind warst. Du erinnerst dich vielleicht daran, von anderen für deine Tapferkeit und Fürsorge gelobt worden zu sein. Und vielleicht erinnerst du dich auch noch daran, dass du deine Mutter oder deinen Vater davon überzeugen wolltest, mit dem Trinken aufzuhören.

Auch als Erwachsener verwendest du viel Zeit und Energie darauf, dich um andere Menschen zu sorgen. Manchmal geht es sogar soweit, dass du diese Menschen ändern oder retten möchtest.

Du vernachlässigst dadurch deine eigenen Bedürfnisse und erlaubst anderen, deine Freundlichkeit und Fürsorge für sich auszunutzen. Bei vielen Betroffenen ist dies mitunter der Grund, warum sie immer wieder an einen suchtkranken Partner gelangen.

Du bist der Schöpfer deines Lebens

Es mag sein, dass du dich als EKA mit einigen (oder vielleicht auch allen) der aufgezählten Punkte identifizieren kannst. Das ist aber kein Zustand, mit dem du dich für den Rest deines Lebens abfinden musst.

Du hast dein Leben selbst in der Hand und kannst jeden Tag beginnen, aktiv an deinem Glück zu arbeiten.

Heilung fängt an, wenn wir verstehen, wo der Ursprung unserer Probleme liegt. Und der Weg der Heilung lässt sich viel einfacher beschreiten, wenn wir wissen, dass wir mit unseren Problemen nicht alleine sind.

Habe keine Angst, dich mit deiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auch wenn sie schmerzhaft war – sie ist ein Teil von dir. Ich weiß, dass du die Kraft hast, den Ballast aus deiner Kindheit abzuwerfen.

Verstehe wer du bist und finde heraus, wer du sein kannst.
Stärke dein Selbstwertgefühl und gewinne Vertrauen in deine Person.
Entwickle eine positive Selbstachtung und erschaffe dir das erfüllte Leben, was du verdienst.

Achja, und falls es dir heute noch keiner gesagt hat: Du bist wertvoll und wunderbar!

Be free,
deine Mel

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2 Kommentare
  • Nicole
    Antworten

    Liebe Mel,
    danke für dein Blog und die ernüchternden Erkenntnisse. Ich habe auch eine traurige Kindheit hinter mir und bin jetzt wo ich eigentlich frei bin total traurig und ängstlich. Es wirkt gerade alles so verwirrend auf mich, die Menschen, ich weiß nicht was ich von ihn halten soll, waren es doch die gleichen Menschen die damals zugeschaut haben wie ich mich mit zwei Alkoholigern rumgeschlagen habe. Ja klar habe ich nach außen so getan als wenn mein Leben in Ordnung war, aber sind wir ehrlich, die Schreie, die betrunkenen Eltern hat doch jeder im Dorf gesehen? Und statt einem kleinen 5 jährigem Kind zu helfen, wurde ich verachtet und die Kinder durften nicht mit mir spielen. Warum tut man einem kleinen Mädchen sowas an. Ich war allein auf der Welt. Keiner wollte mich! In der Schule würde ich gemobbt. Jetzt bin ich Erwachsen habe sehr viel Erfolg gehabt und bin Ärztin und Mutter einen 14 Monate alten Sohnes, aber ich habe immer nur gekämpft, weil ich es allen zeigen wollte, dass ich nicht die Person bin zu der ich gemacht wurden bin. Jetzt bin ich traurig und leer.

    • Mel
      Antworten

      Liebe Nicole,

      du hast Recht – sehr vielen von uns ergeht es so. Wir streben nach Perfektion, opfern uns für andere Menschen auf und werden doch am Ende nicht richtig glücklich damit. Die Liebe und Anerkennung, nach der wir uns seit unseren Kindheitstagen sehnen suchen wir im Aussen, finden können wir sie aber nur in uns selbst. Egal wie sehr wir uns bemühen, die Leere in uns kann niemand anderes füllen. Der Weg zum Glück ist der Weg zu uns und er beginnt mit aufrichtiger Akzeptanz uns selbst gegenüber.

      Liebe Grüße aus Thailand,
      Mel

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