Mit Alkoholismus aufgewachsen und als Kind co-abhängig

Ich höre ein dumpfes Geräusch aus dem Badezimmer. Mein Vater ist wie immer betrunken und schon wieder gestürzt. Als ich nachschaue, sehe ich meinen Vater in der Badewanne liegen. Die Beine über der Wanne hängend.

Er versucht aufzustehen, schafft es aber nicht alleine. Ich helfe ihm hoch bis er wieder zitternd auf die Beine kommt. Er ist unfähig, irgendetwas zu sagen, taumelt ins Schlafzimmer und lässt sich aufs Bett fallen. Er ist so betrunken, dass er nur noch seinen Rausch ausschlafen kann.

Als dieses Bild in meiner Familie zur Gewohnheit wurde war ich 13 Jahre alt.

Ich dachte immer, dass ich meinen Vater retten könnte. Wie in diesen Filmen wenn dein Lieblingscharakter fast stirbt und eine dramatische Szene folgt, bevor sich alles zum Guten wendet. Am Ende lebt jeder glücklich bis ans Ende seiner Tage.

Was ich lange Zeit nicht wahrhaben wollte: Mein Papa und ich spielten in zwei völlig unterschiedlichen Filmen mit.

Mein Papa ist schwerer Alkoholiker

Dem wurde mir irgendwann bewusst. Meine Mutter kämpfte Jahr für Jahr verzweifelt gegen die emotionalen Turbulenzen in unserer Familienkrise. Und ich fühlte mich in diesem Dilemma gefangen und nutzlos – ein Gefühl, dass Eltern ihr Kind niemals fühlen lassen sollten.

Einen Elternteil zu haben, der an Alkoholismus erkrankt ist, kann eine endlose Frustration sein. Mein Vater war nicht wirklich derjenige, der mich enttäuschte und verletzte – es war mehr der Alkohol. Selbst in den dunkelsten Momenten meines Vaters war er immer noch mein Held. Und ich liebte ihn nach wie vor für den liebevollen Mann, der er einmal war.

Die Hoffnung, dass der Schrecken bald enden wird, bleibt. Dieses endlose Hoffnung lässt dich weitermachen und wieder vom Boden aufstehen. Auch wenn der Weg immer wieder schmerzhaft und voller Trauer ist.

Die Jahre in denen ich mit einem alkoholkranken Vater aufwuchs, musste ich einige Dinge auf die harte Tour lernen. Trotzdem bin ich dafür dankbar – sie machen mein Leben heute authentisch und lebenswert.

1. Vergleiche dich nicht mit anderen

Während meiner Schulzeit hatte ich eine langjährige beste Freundin. Ich fand sie hübscher als mich und ihre Noten waren meistens besser als meine. Ihre Familie war intakt, fröhlich und wohlhabend. Ständig fragte ich mich, warum mein kaputtes Zuhause nicht wie ihres war. Warum mein Leben nicht so schön sein konnte, wie ihres.

Durch diesen pausenlosen Vergleich fühlte ich mich klein, hässlich und minderwertig. Bis ins Erwachsenenalter begleitete mich das Gefühl, dumm und unbedeutend zu sein. Ständig hatte ich Gedanken wie:

  • „Sie hat richtige Kurven im Gegensatz zu dir. Kein Wunder, dass jeder Kerl auf sie fliegt und dich keiner anschaut.“
  • „Ich quäle mich immer noch durchs Studium, während andere schon längst erfolgreich im Job sind“
  • „Sie fliegen jedes Jahr als gemeinsame Familie in einen Bilderbuch-Urlaub, davon kannst du nur träumen.“

Ich war ein Versager, eine Niete und entwickelte einen chronischen Selbsthass. Während ich immerzu nach dem Leben anderer strebte und sie um ihr Glück beneidete.

Sich mit anderen zu vergleichen, stielt uns die Freude am Leben. Es macht uns unzufrieden und unglücklich. Wir können nie gewinnen, denn es wird immer jemanden geben, der besser, schöner, schlauer oder begabter ist als wir.

Heute bin ich froh, ich zu sein und niemand anderes. Ich habe mittlerweile das Selbstvertrauen und die Liebe zu mir entdeckt. Es geht im Leben niemals darum, so zu sein wie andere, sondern die beste Version seiner Selbst zu werden.

Erkenne das Unikat in dir, sei dankbar und lasse jede Art von Pessimismus gehen. Du bist einzigartig. 

2. Werde nicht zum Mittäter

Meine Mutter und ich waren jahrelang Komplizen meines Vaters – brachten tonnenweise Verständnis und unendlich viel Liebe für ihn auf. Wir logen für ihn, vertuschten seine Sucht und bewahrten ihn vor Konsequenzen seines Konsums.

Wir hofften, eines Tages würde alles gut werden und so setzten wir alles daran, unsere Familie um jeden Preis zusammenzuhalten. Wir waren co-abhängig. Trotz aller Bemühungen und Geduld trank mein Vater weiter und unsere Familie zerbrach am Alkoholismus.

Es besteht ein großer Unterschied zwischen Mitgefühl für einen kranken Menschen und ihm eine Krücke zu sein. Kein Zweifel – es ist harte Arbeit, einen anderen zu unterstützen, ohne sich dabei selbst komplett zu vernachlässigen.

Hilfe kann mit einem kleinen, simplen Gefallen beginnen, indem wir immer Verständnis aufbringen und jederzeit ein offenes Ohr haben. Sie kann aber auch in einem gefährlichen Problem enden. Bspw. indem wir das Trinken des Suchtkranken vor anderen geheim halten. Oder ihn beim Arbeitgeber entschuldigen, wenn er Montagmorgens nicht aus dem Bett kommt, weil er noch zu voll ist.

Damit zeigen wir kein Mitgefühl.

Im Gegenteil: Wir unterstützen die Sucht des Alkoholikers und tragen dazu bei, dass er sein Verhalten und Trinken ungehindert fortsetzen kann.

3. Vergebung ist Frieden

Kurz nachdem ich von zu Hause auszog, brach ich den Kontakt zu meinem alkoholkranken Vater ab. Ich hatte es satt: Zu viele Enttäuschungen, zu viele Lügen, zu viele leere Versprechen.

Als sein einziges Kind habe ich nie verstanden, warum er nicht für seine Tochter kämpfte und stattdessen die ganze Familie mit seiner Trinkerei kaputt machte. Das stimmte mich verbittert und unglücklich. Gleichzeitig schäumte ich vor Wut.

Ich gab meinem Vater die Schuld an allem und entwickelte einen tiefen Hass gegenüber dem Alkohol. Meine Mutter und ich waren die Opfer, mein Vater der Schuldige und der Alkohol unser Untergang.

Dank meiner Psychotherapie lernte ich, dass ich mit diesen negativen Gefühle nur abschließen kann, wenn ich meinem Vater vergebe. Vergeben bedeutet nicht, gut zu finden was durch den Alkohol passiert ist. Oder das Verhalten meines Vaters zu befürworten. Es hat auch nichts mit Selbstverleugnung oder Resignation gemeinsam.

Es bedeutet, die Verantwortung für mein Gefühlsleben zu übernehmen und mich nicht mehr in die Opferrolle zu stecken. Verzeihen bedeutet loslassen und sich selbst reinigen. Sich von unerwünschten Gefühlen befreien, die im täglichen Leben Kraft und Energie kosten, um Platz zu schaffen für das was wirklich zählt:

Freude und Heiterkeit im Leben.

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4. Du bist nicht die Sucht

Während meiner Studienzeit arbeitete ich in einer Diskothek an der Bar. Laute Musik, Alkohol in unbegrenzten Mengen, tanzfreudige Menschen und jede Menge Spaß. Über zwei Jahre flüchtete ich mich in die Welt der endlosen Partynächte mit exzessiven Alkoholräuschen.

Unter der Woche besuchte ich Vorlesungen und lernte. An den Wochenenden nahm ich am „echten“ Leben teil.

Es ist allgemein bekannt: Kinder alkoholkranker Eltern haben ein ausgeprägteres Suchtpotenzial. Die Chance, dass wir von Substanzen jeglicher Art abhängig werden, ist dreimal höher als bei „normalen“ Kindern.

Heute bin ich fernab von meinem damaligen Ich. Mein Lebensstil hat sich zu damals komplett gewandelt, denn gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung sind mir wichtig.

Trotzdem kämpfte ich lange Zeit mit der Angst, eines Tages suchtkrank zu werden. Ich glaubte, der Alkoholismus meines Vaters definiere auch mein Leben. Später warf ich diesen verhängnisvollen Glaubenssatz über Board und veränderte dadurch mein ganzes Leben.

5. Stelle dich nicht als Opfer dar

Es ist einfach auf Autopilot zu schalten und sich als Opfer zu sehen, wenn das Leben sich unfair anfühlt. Das Problem ist nur: Im Leben geht es nicht um Fairness.

Du fühlst dich vielleicht immer wieder betrogen, weil der alkoholkranke Angehörige nicht das tut, was offensichtlich das Richtige ist. Zur Besinnung kommen und endlich den Alkohol für immer zu verabschieden.

Sich darüber beklagen, dass das Trinken kein Ende nimmt, wird den Alkoholiker nicht in seiner Entscheidung beeinflussen. Andauernd darüber zu jammern beeinflusst schlussendlich nur dich selbst.

Wenn du einem Alkoholkranken helfen willst, bleibe ihm gegenüber verständnisvoll und freundlich. Lässt du stattdessen deinen Groll und Zorn an ihm aus, hilfst du weder dir noch ihm. Akzeptiere einen Alkoholiker so wie er ist: als kranken Menschen.

Hoffentlich wird irgendwann der Groschen bei ihm fallen. Nur so beginnt die Genesung von Alkoholismus – die Person muss es selbst wollen.

Falls das nicht eintrifft, bist du wenigstens mit deinen Gefühlen im Reinen. Du projizierst keine negativen Emotionen auf den Suchtkranken. Du kannst einen suchtkranken Menschen wertvoll unterstützen, indem du jederzeit die Verantwortung für dich und deine Empfindungen übernimmst.

6. Umgebe dich mit glücklichen Menschen

Mir fiel das immer richtig schwer: Fremden Menschen mit Freundlichkeit begegnen, positive Lebensenergie versprühen, etwas zu Geben ohne die Erwartung, etwas zurück zu erhalten.

Seit ich denken konnte war mein Leben ein Kampf, bei dem es jeden Tag ums nackte Überleben ging. Wut, Trauer, Verzweiflung und Verbitterung begleiteten mich ein Leben lang und raubten mir die Luft zum Atmen. Da war einfach kaum Platz für Freude, Dankbarkeit, Liebe und Gelassenheit.

Meine Weltreise nach dem Studium änderte das. Ich brach aus meinem gewohnten Umfeld aus und traf auf Menschen aus aller Welt. Sie zeigten mir, dass das Leben voller Heiterkeit, Euphorie und Spannung sein kann. Und dass das Leben auf der Welt kunterbunt und wunderschön ist.

Es ist ziemlich simpel: Umgebe dich mit negativen Menschen und deine Welt bleibt bedrückend, ermüdend und trüb. Umgebe dich mit positiven Menschen und deine Welt wird lebendiger, freudvoller und erfüllter.

Ich entscheide mich seither für Letzteres.

7. Lass Alkohol nicht zum Mittelpunkt für Kinder werden

Bitte lasse das niemals zu.

Kinder sind unschuldig und manchmal unscheinbar. Aber sie sehen und hören alles, was in ihrer Familie geschieht. Sie fühlen, wenn zwischen ihren Eltern etwas nicht in Ordnung ist.

Kinder merken alles: Sie sehen dich jeden Tag und beobachten dich ständig. Sie sind unschuldige Wesen, die bedingungslos lieben und jedes Verhalten aufgreifen (und vergeben) – ob gut oder schlecht.

Schenke Kindern eine Kindheit, die sie verdienen. Sei das liebevollste und ehrenhafteste Vorbild, das du sein kannst. Sei für sie da, wenn sie dich brauchen, damit sie nicht mit ihren Problemen alleine sind. Verbringe Zeit mit ihnen, damit sie die Herrlichkeit der Welt entdecken können.

Und vor allem: Kümmere dich gut um dich selbst und strahle Zufriedenheit und Freude am Leben aus, damit auch deine Kinder glücklich sein können. Sie werden dir dankbar sein und all die Liebe, Geborgenheit und Verlässlichkeit die sie beobachtet haben, auch an ihre eigenen Kinder weitergeben.

Fazit

Kinder alkoholkranker Eltern tragen ihr Leben lang Narben aus der Kindheit. Aber wir müssen nicht für immer Opfer unserer Vergangenheit bleiben.

Fange an, Verantwortung für dich und dein Leben zu übernehmen. Mach dich auf den Weg in ein authentisches und erfülltes Sein. Es steckt viel Wunderbares in dir, du musst nur den Mut haben, es zu entdecken.

Sei herzlich. Sei achtsam. Sei du. Beginne jetzt.

Brauchst du Inspiration? Lese hier, warum Selbstliebe der Schlüssel zu mehr Lebensfreude ist.

Magst du dich mit anderen über deine Erfahrungen austauschen? Die Cosucht Frei Community für Kinder von Alkoholikern ist für dich da!


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Was hast du aus deiner Kindheit mit einem Alkoholiker gelernt? Ich freue mich über deinen Kommentar!

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