Mein Vater war Beamter im gehobenen Dienst und ging regelmäßig seiner Arbeit nach. Trotz seiner Alkoholsucht mit steigender Tendenz hat er Job und Alltag immer irgendwie bewältigen können. Was dazu führte, dass er seine Abhängigkeit über viele Jahre verleugnete und vertuschte.

Ist ein alkoholkranker Mensch weiterhin leistungsfähig, sprechen manche Experten und Betroffene von einem sog. „funktionierenden Alkoholiker“.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich nun bereits mit dem Thema Alkoholismus und Sucht. Nicht nur, um das Verhalten und die Wesenszüge meines Vaters nachvollziehen zu können – sondern in erster Linie um meine Rolle als Kind in einer Alkoholikerfamilie zu reflektieren.

Mir stellten sich Fragen, die ich – aufgrund der Tatsache, dass ich selbst nie süchtig gewesen bin – als Außenstehende nicht beantworten konnte. Ich wollte mehr über das Phänomen des „funktionierenden Trinkers“ erfahren und vor allen Dingen: Wissen, wie man als Angehöriger eines solchen damit umgeht.

Dazu habe ich Burkhard Thom interviewt – einen Einkaufsleiter und Geschäftsmann, der heute seit 25 Jahren trockener Alkoholiker ist.

Burkhard ist Blogger, mehrfacher Autor und veranstaltet Lesungen und Gespräche. Seit vielen Jahren arbeitet er mit Menschen zusammen, die von Alkoholsucht innerhalb der Familie betroffen sind. Seine eigene Alkoholiker Geschichte hat er in seinem ersten Buch „Alkohol – Die Gefahr lauert überall!“ veröffentlicht.

In seinem zweiten Ratgeber „Alkohol – Hilfeschrei“ fokussiert er sich sowohl auf die Vermeidung von Rückfällen als auch auf Maßnahmen und Hilfestellungen für Angehörige. Detaillierte Informationen zu diesem Buch findest du am Ende des Artikels.

Vom Vertuschen der Sucht bis zur Einsicht der Krankheit

Seine eigene Alkoholsucht beschreibt Burkhard als langjährig mit „gleitendem Übergang“. Bereits während seines ersten Lehrjahres trank er täglich Wein. Auch bei der Bundeswehr, im festen Job und in der Freizeit war der Konsum von Alkohol über Jahre immer allgegenwärtig.

Wie bei allen Alkoholikern hat sich aus dem zunächst scheinbar harmlosen Trinkverhalten schleichend eine Sucht entwickelt„Bewusst war mir meine Abhängigkeit schon relativ früh, aber Einsicht zeigte ich erst kurz vor meinem Outing.“

Gemeint ist damit, dass er seinen massiven Alkoholkonsum trotz „Suchtbewusstsein“ über Jahre noch vor seiner Familie verheimlicht hat. „Wach“ wurde er eines Tages durch sein persönliches Schlüsselerlebnis auf einer Asienreise.

Es folgte ein kalter Entzug mit der Unterstützung seiner Frau, bei dem er jede Phase des Entzugs deutlich spüren konnte: Von Zittern und Schwitzen über Schmerzen und Krämpfe bis hin zu Halluzinationen.

„Es war schrecklich und unglaublich gefährlich.“ Burkhard betont dabei, dass er einen kalten Entzug nie wieder machen würde und auch ausdrücklich niemandem dazu rät.

Viele Angehörige sowie auch ich, beschäftigen sich oft mit der Frage „Warum wird jemand süchtig?“. Also fragte ich Burkhard nach den möglichen Gründen.

„Den einen“ Auslöser für seine Abhängigkeit gab es nicht . Vielmehr spielten mehrere Faktoren eine Rolle, wie z. B. sein fordernder Berufsalltag, seine eigene Unsicherheit und Labilität als auch der Wunsch, seinen Problemen entfliehen zu können. Daneben sei die Genetik ein nicht zu unterschätzender Faktor – sein Vater war ebenfalls Alkoholiker.

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Der funktionierende Alkoholiker und sein Alltag

„Ich habe immer geglaubt, dass ich im Beruf funktioniere. Ich hielt mich für belastbar und dachte, ich sei der beste Einkäufer und der klügste Abteilungsleiter. Aber wenn mir das Gefühl der Sicherheit fehlte, trank ich. Wenn ich nicht schlafen konnte, trank ich. Und wenn ich Erfolg hatte, dann trank ich eben auch.“

Der Autor trank zwar nie während der Arbeitszeit, beendete seinen Arbeitsalltag aber manchmal früher, um im Anschluss zur Flasche zu greifen. Während seiner vielen Auslandsreisen galten wiederum andere Regeln für ihn und seine Kollegen.

Ob im Flugzeug, zwischendurch beim gemeinsamen Essen oder nach Feierabend an der Hotelbar – Alkohol gab es fast zu jeder Tageszeit und bei jeder Gelegenheit. Zurück in Deutschland ging der Alltag weiter: Tagsüber arbeiten, abends das wohl verdiente Feierabendbier und im Keller heimlich den Rest.

Mein Umfeld merkte es nicht oder war klug genug, es mich nicht wissen zu lassen.

Burkhard ist der Meinung, dass ein funktionierender Alkoholiker letztlich nur aus seiner eigenen Sicht funktioniert: Er glaubt zu funktionieren.

Grundsätzlich geht es immer um einen alkoholabhängigen Menschen. Es spielt dabei keine Rolle, ob er funktioniert oder sich regelmäßig „die Kante gibt“ und dahinvegetiert.

Die Gesellschaft & der Druck zu funktionieren

Deutschland ist wie viele andere europäische Länder eine sehr trinkstarke Gesellschaft. Alkohol ist allgegenwärtig und gehört heute „zum guten Ton“.

„In strukturschwachen Gegenden wir viel getrunken, Nichttrinker werden ausgegrenzt, in Sportvereinen gehörst du nicht dazu, auf Parties bist du ein Spielverderber und auf Veranstaltungen giltst du als verklemmt.“

Nicht zu unterschätzen ist meiner Meinung nach auch unser dauerhaftes Streben nach Erfolg und Effizienz. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft können wir nur bestehen, wenn wir den stressigen Job, Familie und Freizeitaktivitäten geschmeidig unter einen Hut bringen.

Burkhard und ich sind uns einig: Alkohol spielt im Alltag eine große Rolle.

Nach einem stressigen Tag kommen wir mit einem wohlverdienten Feierabend-Drink runter. Wir beruhigen uns sanft und ertränken vielleicht auch die eine oder andere Sorge, die uns plagt.

Natürlich wird nicht jeder, der das tut automatisch suchtkrank.

Aber so ein Verhalten fördert problematischen Konsum und führt bereits Suchtkranke tiefer in ihre Abhängigkeit. Burkhard weiß aus Erfahrung: „Alkohol mag anfänglich die eigene Leistung steigern, zerstört aber langfristig die gesamte Leistungsfähigkeit.“

Alkohol hilft niemals seinen Kummer zu beseitigen. Wir mögen unser Problem am Abend kurzzeitig vergessen, wenn wir zum Glas greifen. Aber Tatsache ist:

Am nächsten Tag ist der Alkohol wieder verflogen und das Problem letztendlich geblieben.

Auch die hohe Anzahl an Lebensmitteln und Medikamenten, die mit Alkohol versetzt sind, findet Burkhard bedenklich. Dies zeige, dass die Gefahren von Alkohol (noch) nicht ernst genommen werden. Eine umfangreiche Stellungnahme von großen Lebensmittelkonzernen und eine detaillierte Auflistung von Produkten findest du in seinem ersten Buch.

Auch wenn es viele weitere Beispiele für die Förderung von Alkoholsucht im Umfeld gibt, ist doch eines wichtig zu verstehen:

Seine Sucht hat ausschließlich der Alkoholiker selbst zu verantworten.

Wann liegt ein Alkoholproblem vor?

Der Verlauf einer Alkoholabhängigkeit ist individuell, die Gründe für das Trinken sind vielfältig.

Bezugnehmend auf die Typologie von Elvin M. Jellinek (The Disease Concept of Alcoholism) lassen sich Trinker in unterschiedliche „Typen“ klassifizieren. Zwischen diesen einzelnen Kriterien gibt es sowohl Übergangsformen als auch individuelle Mischtypen.

„Die Grenzen von funktionierend und nicht funktionierend sind verschwommen“ und die Auswirkungen der Sucht nicht immer sichtbar. Vor allem gibt es aber kein allgemein gültiges Schema, durch das sich Alkoholsucht eindeutig bestimmen lässt.

Jedoch gibt es zwei einfache Fragen die bereits darauf hinweisen können, ob ein Alkoholproblem vorliegt:

  1. Wird auf Feiern grundsätzlich mehr als sechs Bier getrunken?
  2. Wurde jemals Alkohol am Morgen getrunken, um Unruhe zu beseitigen?

Lässt sich min. eine der Fragen mit „Ja“ beantworten, kann man zumindest von Gefährdung ausgehen.

Was Angehörige tun können – Umgang mit funktionierenden Alkoholikern

Die meisten Angehörigen stecken in einer tiefgreifenden Ohnmacht fest, sobald sie realisieren, dass sie nichts gegen den Alkoholismus tun können.

Oft sind Alkoholiker blind für ihre eigene Sucht.

Die Tatsache, dass sie im Job und Alltag immer noch „gut“ funktionieren, erschwert die Einsicht. Bei meinem Vater führte genau dies dazu, dass er den Kampf gegen den Alkohol niemals antrat.

Welche Perspektiven bleiben uns Angehörigen? Was ist für uns möglich und worauf haben wir keinen Einfluss?

Burkhard ist sich sicher, dass es dafür kein Patentrezept gibt. Durch seine Recherche kommt er allerdings auf ein sehr einfaches Ergebnis:

Den Alkoholkranken loslassen und nur Hilfe geben, wenn sie ausdrücklich verlangt wird.

Loslassen heißt hier, dass wir den Alkoholiker so akzeptieren, wie er ist – als einen suchtkranken Menschen, der selbst den Willen aufbringen muss, sich aus seinem Sumpf zu befreien.

Unterstützung unsererseits darf dann erfolgen, wenn wir dazu aufgefordert und danach gefragt werden. Maßnahmen wie „den Alkoholiker belehren und bekehren wollen“ lassen uns zwar immer wieder hoffen, führen aber nur zu bitteren Enttäuschungen.

Mitbetroffene oder Co-Abhängige müssen lernen, an sich selbst zu denken und den Fokus auf ihre eigenen Bedürfnisse zu richten.

„Ich sage immer: Mehr Selbstvertrauen, mehr Selbstbewusstsein und eine kleine Portion Egoismus sind die Grundbedürfnisse von Menschen aus dem Umfeld von Alkoholkranken.“

Wobei Egoismus bedeutet, dass wir zuerst auf unser eigenes Wohl schauen sollen, statt unser gesamtes Leben stets auf die alkoholkranke Person auszurichten.

Ich nenne es gesunde Selbstliebe, denn auch wenn wir unser Leben lang zum Gegenteil erzogen wurden, ist doch der wichtigste Mensch in unserem Leben wir selbst.

Unterstützung für Familie, Freunde und Kollegen

Der arbeitslose und obdachlose Alkoholiker auf der Parkbank ist längst ein veraltetes Bild in den Köpfen der Gesellschaft. Alkoholismus bleibt oft unentdeckt, weil Alkoholiker trotz ihrer Abhängigkeit weiterhin funktionieren.

Alkoholsucht ist kein Problem der unteren Schichten, sie trifft jeden – Lehrer, Ärzte, Politiker und Führungskräfte.

Was insbesondere Angehörige für ein glücklicheres Leben brauchen ist die Gewissheit, dass wir mit unseren Problemen nicht alleine sind. Es gibt viele Menschen da draußen, die uns nachfühlen können, weil sie Ähnliches erlebt haben.

Wir brauchen Vertraute, mit denen wir offen darüber sprechen können, auch wenn die Öffentlichkeit schweigt. Und wir benötigen ein besseres Verständnis für die komplexe Thematik von Alkoholismus.

Und an diesem Punkt setzt Burkhard Thom an. Seit mehreren Jahren unterstützt er die Menschen, die im Stillen leiden und kaum wahrgenommen werden. Es geht ihm dabei nicht nur um Partner, Freunde oder Kollegen, sondern insbesondere um die Kinder aus alkoholbelasteten Familien.

Sämtliche Erfahrungen und Informationen aus seinen unzähligen Gesprächen fließen in seinem Buch „Alkohol – Hilfeschrei“ mit ein. Es dient als begleitende Unterstützung bei der Bewältigung von Sucht und ihrer Folgen. Sein Ratgeber richtet sich insbesondere an das Umfeld von Alkoholikern und soll beraten, informieren und das Verständnis für die Suchtproblematik fördern.

Sowohl die Unterstützung von Angehörigen als auch die Vermeidung von Rückfällen stehen bei Burkhard und seiner Tätigkeit im Vordergrund. Für Aufklärungsarbeiten in Form von kostenlosen Lesungen und Gesprächen steht er jederzeit zur Verfügung und ist über E-Mail erreichbar.

Autor und Blogger Burkhard Thom

Burkhard Thom ist Teil der Cosucht Frei Community für Kinder alkoholkranker Eltern auf Facebook. Trete jetzt bei für einen wertvollen Austausch mit ihm und Gleichbetroffenen. Für ein selbestimmteres und lebendigeres Leben!

Andere hilfreiche Artikel:

Wenn du aktuell Probleme im Umgang mit einem alkoholkranken Familienmitglied hast und wissen willst, wie du typische Fehler vermeiden kannst, dann lade dir unbedingt mein kostenloses E-Book runter.

Weitere Infos dazu findest du hier: „10 Taktiken, die jeder Angehörige eines Alkoholikers kennen muss“


Foto: unsplash.com

Ich freue mich, wenn dir dieser Artikel gefallen hat und du ihn mit anderen Betroffenen teilst! Lass mir auch gerne einen Kommentar da 🙂 

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4 Kommentare
  • Andreas Nykiel
    Antworten

    Hallo Burkhard. Ich bin 64 Jahre alt und seit 4 Jahren trocken. Wegen meiner Alkoholsucht und anderen Wehwehchen wurde vom Versorgungsamt 2018 eine 50% tige Behinderung bis 2020 festgelegt. Im August 2018 ging in wegen Schwerbehinderung in Rente. Jetzt will das Versorgungsamt den Grad der Behinderung auf 3o% ändern, weil sich “ die Behinderung (Abhängigkeitsleiden ) wesentlich gebessert hat “
    Meine Frage ist: Kann man überhaupt von einer Besserung ausgehen, reden? In der 3 monatigen Therapie und in den 60 Sitzungen der Nachsorgegesprächstherapie habe ich gelernt, einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker.
    Dazu muss ich gestehen, dass ich mich keiner Selbsthilfegruppe angeschlossen habe und mit meiner Sucht alleine durch Beeinflussung des Unterbewusstseins kämpfe.
    Ich danke Dir im Voraus für Deine Antwort.
    Mit freundlichen Grüssen
    Andreas Nykiel

  • Ewa
    Antworten

    Hallo Burkhard, danke, du bist sehr interessanter Gesprächspartner!

  • Brigitte Orthmann
    Antworten

    Burkhard, für viele Menschen bist du ein toller Ratgeber und kannst ihnen helfen. Ich finde es gut, dass du deine Vorgeschichte „Alkohol “ nicht verheimlichst und offen darüber sprichst. Das du nach so vielen Jahren „trocken“ bist, Hut ab! Schön, dass du unser Nachbar bist! Danke, für deine unentwegte Hilfsbereitschaft! !!

    • Mel
      Antworten

      Der gleichen Meinung bin ich auch, liebe Brigitte 🙂

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