Ein geliebter Mensch innerhalb der Familie wird alkoholabhängig. Um den Zusammenhalt der Familie zu bewahren, erträgt jedes Familienmitglied stillschweigend das gegebene Schicksal. Alle handeln nach bestem Willen und hoffen insgeheim, dass das Alkoholproblem eines Tages überwunden wird.

(Ehe-) Partner und Kinder, die täglich mit den Problemen und Herausforderungen der Alkoholsucht konfrontiert sind, erleiden enormen Schaden. Aber auch langfristig wirken sich die erlebten Erfahrungen auf die Zukunft der Mitbetroffenen aus.

Was verbirgt sich alles hinter der Fassade einer Alkoholikerfamilie? Inwieweit wird das Leben der nicht suchtkranken Familienmitglieder beeinträchtigt? Welche Auswirkungen lassen sich bei Kindern und Partnern von Alkoholikern beobachten?

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Familiendrama Alkoholismus

Ist eine Familie von Alkoholismus betroffen, stellt man sich das in etwa so vor: Der alkoholabhängige Ehemann ist häufig betrunken und möglicherweise sogar aggressiv gegenüber seiner Frau und seinen Kindern. Er verliert erst seinen Führerschein und später auch seine Arbeit, da er immer weiter trinkt. Innerhalb der Familie gibt es viel Streit, die Kinder stehen zwischen den Stühlen und verhalten sich entweder ungewöhnlich auffällig oder sehr still.

Die Ehefrau versucht die Familie zusammenzuhalten und übernimmt mehr und mehr die Aufgaben des Mannes. Sie versucht zu retten, was zu retten ist; verdient den Lebensunterhalt, kümmert sich um die Kinder, den Alkoholabhängigen und den Haushalt. Aber auch das umgekehrte Szenario kennt man:

Die Frau trinkt zu viel und vernachlässigt den Haushalt, die Kinder und auch sich selbst. Der Ehemann kümmert sich neben seinem Beruf vermehrt um die Kinder, den Haushalt und seine alkoholabhängige Frau. Für diese wird der Alkohol zunehmend wichtiger, während alles andere um sie herum immer mehr an Bedeutung verliert.

Das Leben mit einem alkoholkranken Familienmitglied ist sehr schmerzlich, belastend und beängstigend.

Es nimmt einige Zeit in Anspruch, bis die Erkenntnis durchdringt, dass der Trinkende erkrankt ist und somit an einer wahrhaftigen Krankheit leidet. Oft versuchen Angehörige über Jahre hinweg den Suchtkranken immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit dem Trinken aufzuhören. Meistens ohne langfristigen Erfolg, dafür aber mit fatalen psychischen und physischen Folgen.

Schweigen, verdrängen, vergessen

Alkoholismus ist ein Tabuthema, über das kaum jemand spricht.

Er ist vielmehr ein heiliges Familiengeheimnis und verlangt ein gewisses Rollenverhalten innerhalb der Familie, dass dem Alkoholkranken dient. Alle Beteiligten handeln dabei nach der wichtigsten Vorschrift: das Verleugnen des Alkohols und seiner Folgen. Jedes Familienmitglied hält sich dabei an die unausgesprochene Regel: »Sprich nicht darüber!« – nicht innerhalb der Familie und schon gar nicht mit Außenstehenden.

Denn über problematisches Trinken wird grundsätzlich immer geschwiegen. Das trinkende Familienmitglied versucht mit allen Mitteln, die Sucht zu verheimlichen.

Der Rest der Familie – und besonders die Kinder – verstehen diesen stummen Hinweis und schweigen ebenfalls. Man spricht untereinander höchstens über die Folgen von massivem Alkoholkonsum wie bspw. ein Sturz oder ein Autounfall mit Führerscheinverlust, aber nie offen und direkt über den Alkohol und seine Auswirkungen.

Der Alkoholismus in der eigenen Familie wird meistens umschrieben, umgangen oder gar nicht ausgedrückt. Werden Alkoholkranke nämlich auf ihren übermäßigen Konsum angesprochen, zieht dies meistens unkontrollierten Ärger und starke Ablehnung mit sich.

Überlebensregel Nr. 1: Nicht darüber sprechen

Die Sucht wird gegenüber Freunden, Verwandten oder Arbeitskollegen sogar aktiv verleugnet. Der suchtkranke Vater wird bei der Arbeit für sein Fehlen entschuldigt, der offensichtliche Alkoholismus der Mutter vor Verwandten heruntergespielt.

Jedes Mitglied der Familie befindet sich in dem Glauben, dabei richtig zu handeln. Um die Familie zusammenzuhalten und gut dastehen zu lassen, wird der Alkoholkranke beschützt und sein unangenehmes Verhalten überspielt.

Auch Scham spielt in Bezug auf Alkoholsucht eine ganz entscheidende Rolle. Man schämt sich für den Alkoholabhängigen. Offen zuzugeben »in unserer Familie haben wir ein Problem mit Alkohol« ist für viele schwer. Denn für die meisten wäre das in etwa gleichbedeutend mit »wir haben als Familie versagt«. Aus Angst, die anderen könnten schlecht von einem denken, wird die Sucht entsprechend nach außen hin vertuscht und verleugnet.

Dauerbelastung Alkoholismus

Die meisten Familienmitglieder erkennen erst nach vielen Jahren, dass sie durch die Alkoholsucht eines Familienmitgliedes ebenfalls eine Abhängigkeit, die sog. Cosucht entwickeln. Umso mehr der Alkohol das tägliche Zusammenleben belastet, desto mehr konzentriert sich der Fokus der Familie darauf, dass das abhängige Mitglied aufhört zu trinken.

Mit aller Kraft wird immerzu geschimpft, gedroht und geweint. In der Verzweiflung ist dabei fast jedes Mittel recht um davon zu überzeugen, dass der Alkohol den Körper zerstört und die Familie kaputt macht.

Es kommt zu unvorhersehbaren Problemen, Dauerstress, Angst vor erneutem Konsum, Gewalt, finanziellen Problemen und gesundheitlichen Schäden für jedes Familienmitglied. Insbesondere bei Kindern führen diese anhaltenden Dauerbelastungen oftmals zu traumatischen Erlebnissen.

Eine Alkoholikerfamilie wird darüber hinaus einem ständigen Gefühlschaos ausgesetzt. Es ist eine schmerzliche Angelegenheit, dabei zusehen zu müssen, wie ein geliebter Mensch sich verändert und schadet. Auch die immer wiederkehrende Enttäuschung aufgrund nicht eingehaltener Versprechen, Täuschungs- und Betrugsmanöver sind sehr verletzend.

Diese tiefen Verletzungen liegen meistens in Wut und Zorn verborgen. Einerseits wird die abhängige Person geliebt, anderseits entwickelt sich eine gewisse Feindseligkeit gegenüber der schmerzlichen Erfahrung, die man durch den Alkoholismus machen muss.

Der familiäre Zusammenhalt geht verloren

Nicht endende Auseinandersetzungen und Streitereien führen über die Jahre dazu, dass die familiäre Kommunikation letztlich völlig zusammenbricht. Das Familienklima ist angespannt und es wird kaum noch miteinander gesprochen.

Die Folge für jeden Einzelnen: Zurückgezogenheit, innere Leere und Einsamkeit.

Auch die Schuldfrage steht unentwegt im Raum. Aber nicht nur die suchtkranke Person wird für die Krankheit verantwortlich gemacht. Durch die Gedanken »wäre ich nur ruhiger, liebevoller, strenger, konsequenter… wäre das alles nicht passiert.« gibt man sich auch selbst die Schuld. Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass Familienmitglieder sich zum Teil gegenseitig und untereinander die Schuld am Alkoholismus zuschreiben.

Es ist demnach nicht verwunderlich, dass auf diese dauerhaften Belastungen mentale und körperliche Erkrankungen folgen. Die häufigsten Beschwerden äußern sich in Schlafstörungen, Migräne, Magenerkrankungen oder Depressionen.

Verstrickung Co-Abhängigkeit

Beschrieben wird Co-Abhängigkeit als zwanghafte Reaktion auf die dauernde Anspannung im Zusammenleben mit einem Alkoholabhängigen. Eindeutige Anzeichen dafür sind emotionale Taubheit oder Schmerz, festgefahrenes Rollenverhalten und die Beziehung zum Alkoholkranken als Mittelpunkt des eigenen Lebens. Cosucht entsteht nicht plötzlich, sondern ist ebenso wie Alkoholsucht ein schleichender Prozess.

Die Entwicklung zur Co-Abhängigkeit kann mit einem ganz normalen, gesunden Hilfeverhalten beginnen.

Die zentrale Problematik bei Co-Abhängigen ist der Glaube, die Sucht alleinig mit Hilfe von Willenskraft unter Kontrolle bringen zu können. Indem Cosüchtige sich darauf konzentrieren, die gesuchte Willenskraft aufzubringen, nehmen entsprechende Verhaltensalternativen ab. »Ich muss das doch tun. Ich kann nicht anders. Ich habe keine Wahl.« sind typische Gedanken, die co-abhängiges Verhalten irgendwann zwanghaft werden lassen und geradewegs in Richtung Hoffnungslosigkeit führen.

Betroffene sind oftmals Frauen

Es fällt auf, dass viele Frauen in einer Beziehung oder Ehe bleiben, die für sie und ihre Kinder ein wahrer Albtraum ist. Das ist darauf zurückzuführen, dass Frauen im Vergleich zu Männern dazu erzogen werden, andere in ihrem Leben zu begleiten und sich um ihre Bedürfnisse und Probleme zu sorgen.

Viel zu lange bleiben Frauen demnach in dem Glauben, dass das Alkoholproblem ihres Partners mit Fürsorge, Durchhaltevermögen und Kontrolle bewältigt werden kann.

Es wird oft übersehen, dass das typische Verhalten von (Ehe-) Partnern die Sucht des Alkoholkranken eher fördert, statt eingrenzt. Im Zusammenleben mit einem suchtkranken Menschen reicht man ganz natürlich seine helfende Hand und übernimmt Aufgaben, die derjenige nicht mehr selbst bewältigen kann. Es ist verständlich, dass man sich vor anderen schämt, entstehende Trinkfolgen verheimlicht und vertuscht.

Es ist auch verständlich, dass man sich immer mehr auf das Trinkproblem des Partners fixiert sobald der Alkohol den eigenen Alltag beherrscht. Wo zieht Mann oder Frau die Grenze? Kann man einen alkoholabhängigen Menschen einfach sich selbst überlassen? Darf man in solch einer Situation überhaupt an sein eigenes Wohl denken?

Heute wissen wir, dass ein Süchtiger die Folgen seines Trinkens am eigenen Leibe erleben muss.

Nicht nur der Alkoholkranke verändert sich

Aber selbst wenn sich das Verhalten der alkoholabhängigen Person bessert, es zum Tod des Suchtkranken oder zur Scheidung kommt, bleibt Cosucht nicht ohne Folgen. Ein Co-Abhängiger kann sich selbst durch das kontrollierende und aufopfernde Verhalten negativ verändern. Durch den starken Fokus auf eine andere Person, gelingt es Cosüchtigen oftmals nicht, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren.

Handelt man stets nach seinen eigenen Prinzipien und Vorstellungen? Ist man authentisch in seinem Sein und der Mensch, der man gerne sein möchte? Viele befreien sich auch im Nachhinein nicht aus den Fängen der eigenen Co-Abhängigkeit und durchbrechen den Teufelskreis nie.

Sie bleiben bei ihren Verhaltensweisen, sind nicht glücklich und werden auf lange Sicht psychisch und körperlich krank.

Stilles Leiden – Alkoholismus und Kinder

Für Kinder in Alkoholikerfamilien ist es normal, dass Vater oder Mutter immerzu betrunken auf dem Sofa liegen oder den Tag im Bett verbringen. Für sie ist es selbstverständlich, das Alkoholproblem der Eltern nach außen hin zu verheimlichen und zu vertuschen, weil das Geheimnis in der Familie bleiben soll. Für sie ist es normal, sich um Mama oder Papa zu kümmern und zu sorgen, statt selbst Schutz von einem Erwachsenen zu erhalten.

Für sie ist es normal, niemals Freunde mit nach Hause zu bringen und stattdessen zu ihnen zu gehen. Sie sind vertraut mit den Empfindungen wie sich zu schämen, sich gedemütigt und schuldig zu fühlen.

Kinder in Alkoholikerfamilien kennen keine gewöhnliche Normalität.

Wächst man als Kind oder Jugendlicher in einer Familie mit Alkoholproblemen auf, wirkt sich dies auf das ganze erwachsene Leben aus. Erwachsene Kinder von Alkoholkranken sind ihr Leben lang durch ihre Erfahrungen aus der Kindheit im Denken, Fühlen, Verhalten und Selbstwertgefühl vom Alkoholismus geprägt.

Wenn Vater oder Mutter alkoholabhängig sind, gilt ihr Interesse vorrangig dem Alkohol und nicht ihren Kindern. Sie müssen stets dafür sorgen, genügend Alkohol zu sich zu nehmen, um ihr Verlangen zu befriedigen und Entzugserscheinungen vorzubeugen. Der nicht abhängige Elternteil konzentriert sich darauf, die Sucht des Partners unter Kontrolle zu bringen.

Somit erhalten Kinder in Alkoholikerfamilien nicht die nötige Fürsorge und Zuwendung die sie für ihre Entwicklung benötigen.

»Die Kinder bemerken schon nichts!«

Kinder sind sehr sensibel und spüren sehr wohl die Anspannung zu Hause und das etwas mit ihren Eltern nicht in Ordnung ist. Sie erhalten jedoch keinerlei Hilfe oder Beistand, ihre Gefühle zu verstehen oder die belastende Situation ohne Schaden zu überstehen.

Sie lernen eher, über ihre Gefühle zu schweigen und sie nicht auszudrücken. Nebenbei entwickeln sie gewisse Überlebenstechniken, um innerhalb ihres kranken Familiensystems überleben zu können. Die erlernten Überlebenstechniken werden auch weiterhin im Erwachsenenalter angewendet. Die Regel »nichts hören, nichts sehen, nichts sagen« gilt unentwegt weiter.

Über die Kindheit wird geschwiegen und auch über das Problem der Eltern wird kaum gesprochen. Viele erwachsene Kinder von Alkoholkranken setzen ihre Vergangenheit nicht eindeutig mit ihren akuten Problemen in Verbindung.

Der Alkoholismus bleibt für sie vielmehr ein dunkles Kapitel ihres Lebens, welches wie selbstverständlich zurückgelassen und verdrängt wird.

Die offene Wunde tief im Inneren

Erwachsene Kinder von Alkoholikern sehen sich nicht direkt als Opfer einer tückischen Familienkrankheit. Oberflächlich betrachtet, kommen die meisten im Leben gut zurecht – sie haben eine gute Ausbildung absolviert, einen lukrativen Job und eine eigene Familie gegründet. Ihre Probleme unterscheiden sich gefühlt nicht von denen der anderen und sie akzeptieren ihr Leben so wie es ist.

Sie leiden allerdings ihr Leben lang unter einem niedrigen Selbstwertgefühl, geben sich mit wenig zufrieden und haben somit auch nur geringe Ansprüche an Liebe und Fürsorge.

Die unangenehme Erinnerung an die Kindheit und die damit verbundenen negativen Emotionen werden meistens ein Leben lang gemieden und unterdrückt. Die wenigsten erwachsenen Kinder von Alkoholikern kommen an den Punkt, sich den eigenen Wunden bewusst zu werden, die sie durch den Alkoholismus ihres Vaters oder ihrer Mutter erlitten haben.

Einige haben wieder ein Alkoholproblem in der Familie, geraten an einen abhängigen Partner oder werden sogar selbst suchtkrank. Andere wiederum durchleben mit zusammengebissenen Zähnen viele Krisen anderer Art.

Fazit

Alkoholsucht betrifft immer die ganze Familie und ist für alle Mitglieder eine tägliche Herausforderung – verbunden mit Kummer, Strapazen und Unsicherheiten. 

Das suchtkranke Familienmitglied verliert sich immer mehr in seine Alkoholabhängigkeit, der begleitende Partner ist mit der Last auf seinen Schultern völlig überfordert und die Kinder bekommen zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit.

Es mangelt in einer Alkoholikerfamilie immer an festem Zusammenhalt, tiefer Geborgenheit und echter Fürsorge.

Aber auch sobald der Alkoholismus »überstanden« ist und das direkte Umfeld des Alkoholkranken nicht mehr täglich durch die Sucht beeinträchtigt wird, hinterlässt Alkoholsucht seine Narben. Für Angehörige bleibt die Erfahrung in einer Alkoholikerfamilie niemals ohne Folgen.

Die angeeigneten Überlebensmuster und Verhaltensweisen, die das Überleben in solch einer Situation ermöglicht haben, bleiben meistens auch nach der Krise noch bestehen.

Weder für (Ehe-) Partner oder Kinder eines Suchtkranken ist es hilfreich, die Erfahrungen aus einer alkoholbelasteten Familie zu verstecken und wegzuschieben.

Im Gegenteil: Nur diejenigen, die den Mut haben, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich ihrer Vergangenheit zu stellen, werden echte Selbstachtung und wahres Selbstvertrauen erlangen. Nur diejenigen, die bereit sind, sämtlichen Schmerz, die gesamte Wut und all die Trauer der Vergangenheit zuzulassen und zu fühlen, werden letztlich wirkliches Glück finden.

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Grundlange dieses Artikels bilden die Bücher »Familienkrankheit Alkohlismus« von Ursula Lambrou und »Co-Abhängigkeit« von Monika Rennert. Foto: unsplash.com

Wie hast du Alkoholsucht in deiner Familie erlebt? Ist dein Partner alkoholabhängig? Oder bist du in einer Alkoholikerfamilie groß geworden? Ich freue mich über deinen Kommentar!

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