Erkennst du dich wieder?

Die Alkoholsucht deines Vaters oder deiner Mutter hat deine Kindheit geprägt. Du hast Angst um das Leben und die Zukunft deines alkoholkranken Elternteils. Du sorgt dich darüber, was er oder sie als nächstes tut oder nicht tut. Du hast Erwartungen, auf die immer wieder eine Enttäuschung folgt.

Wir kennen Co-Abhängigkeit (oder Cosucht) in Bezug auf Partnerschaften und Ehen, sobald Sucht zum Mittelpunkt der Beziehung wird. Der eine Partner ist meistens alkoholabhängig, während der andere unter diesem Problem leidet.

Kinder die in solch einem Umfeld aufwachsen, sind der Situation völlig machtlos ausgeliefert.

Der Alltag einer Alkoholikerfamilie wird bestimmt durch einen ständigen Kampf gegen den Alkohol. Kinder suchtkranker Eltern leiden im Stillen unter dieser Belastung und wachsen unter schweren Bedingungen auf:

Unsere seelischen Grundbedürfnisse rücken in den Hintergrund und können nicht ausreichend erfüllt werden. Gefühle wie Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit sind uns fremd. Angst, Unsicherheit und Unbeständigkeit sind uns dafür umso vertrauter.

Wir sind unseren Eltern gegenüber loyal und entwickeln schon früh ein hohes Verantwortungsgefühl: Wir kümmern uns, halten die Familie zusammen, schweigen und verstecken.

Und ohne es zu wissen, werden wir bereits in jungen Jahren co-abhängig.

Was bedeutet co-abhängig?

Melody Beattie, Autorin des Bestsellers „Die Sucht gebraucht zu werden“ definiert eine co-abhängige Person als jemanden, der

  1. sich von dem Verhalten eines anderen Menschen massiv beeinflussen lässt.
  2. davon besessen ist, das Verhalten dieses Menschen ständig zu kontrollieren.

Das Wörterbuch definiert Co-Abhängigkeit als eine emotionale oder psychologische Abhängigkeit von einer Person. Typischerweise eine Person, die aufgrund einer Krankheit oder Sucht Unterstützung benötigt.

Als Kinder können wir uns in den ersten Jahren nicht selbst um uns kümmern. Die Versorgung durch unsere Eltern sichert unser Überleben, bis wir selbst dazu in der Lage sind. Wir stehen dadurch in sozialer und emotionaler Abhängigkeit zu ihnen.

Wachsen wir mit einem suchtkranken Elternteil auf, ist die Gefahr der Co-Abhängigkeit hoch: Wir tun alles für die Liebe und Aufmerksamkeit unserer Bezugspersonen. Wir verfallen automatisch in unterstützende und kontrollierende Verhaltensmuster.

Alkoholismus hat einen stark negativen Einfluss auf die Entwicklung in unsere Kindheit.

Ich bin in einer Alkoholikerfamilie groß geworden.

Eines Tages kamen wir an den Punkt, an dem die Trinkerei meines Vaters außer Kontrolle geriet. Er hatte seinen Konsum nicht mehr im Griff. Unsere gesamte Familie litt unter diesem Zustand.

Immer häufiger kam es zu Konflikten, Spannungen und Disharmonie. Ich war mit der Situation völlig überfordert und gelang an meine emotionalen Grenzen.

Meine Mutter hielt sich über viele Jahre hinweg für stark genug, mit dieser Krise fertigzuwerden. Auch ich hoffte unentwegt, dass mein Vater irgendwann mit dem Trinken aufhören würde. Wir hatten Angst um unsere Familie und wollten nicht, dass sie zerbricht. Um jeden Preis versuchten wir, die Familie zusammenzuhalten. Wir begannen, die Sucht meines Vaters zu kontrollieren.

Die Wohnung wurde nach Weinverstecken abgesucht und die Flaschen im Anschluss ausgeschüttet. Seine Aufgaben im Haus haben sich wie selbstverständlich auf uns übertragen. Meinen Großeltern wurde bei Bedarf eine kleine Notlüge aufgetischt und vor Freunden das Alkoholproblem vertuscht.

Nach außen hin taten wir immer so, als hätten wir alles im Griff.

Das Problem: Umso mehr wir versuchten, weitere Alkoholschäden abzuwehren, desto weniger waren wir fähig, unsere eigenen Probleme zu lösen. Wir konzentrierten uns vollständig auf den Alkoholismus und vergaßen dabei unsere eigenen Bedürfnisse.

Ein verhängnisvoller Kreislauf der Co-Abhängigkeit entstand.

Hilfe und Mitgefühl vs. Cosucht – ein schmaler Grad

Co-Abhängigkeit ist für Kinder besonders schwierig.

Wird Alkohol (oder auch eine andere Substanz) innerhalb der Familie zum Mittelpunkt, sind wir großer Instabilität und vielen Unstimmigkeiten ausgesetzt. Wir fürchten um unsere Existenz. Besonders in jungen Jahren, in denen wir von unseren Eltern komplett abhängig sind.

Wir bekommen das Gefühl vermittelt, dass wir nicht liebenswert sind oder etwas falsch gemacht haben. Dass unser kranker Elternteil unseretwegen trinkt.

Wir entwickeln den Glaubenssatz, dass wir für die Probleme in der Familie verantwortlich sind. Auf unseren Schultern lasten unser Leben lang schwere Schuldgefühle.

Kein Zweifel – wenn ein Elternteil an Alkoholsucht erkrankt, wollen wir ihn unterstützen. Innerhalb der Familie sind wir für einander da und gehen Probleme gemeinsam an.

Wir setzen uns in den Kopf, den Alkoholkranken mit genügend Unterstützung und Fürsorge retten zu können. Wir halten an der Vorstellung fest: Mit unserer Hilfe wird es ihm gelingen, sich aus der Sucht zu befreien.

Was aber nicht hilft, ist: Die eigene Zeit und Kraft für jemanden zu opfern, der nicht daran interessiert ist, sein Alkoholproblem zu lösen.

Für viele Angehörige ist dies eine schmerzhafte Erkenntnis, die Zeit braucht. Meistens müssen wir unseren persönlichen Tiefpunkt erreichen, um zu erkennen: Unsere Bemühungen sind vergebens.

Wenn wir unserem alkoholkranken Elternteil weiterhin auf ungesunde Weise helfen und ihm nicht die Konsequenzen seiner Lebensentscheidung spüren lassen, verlängern wir möglicherweise nur seinen Schmerz.

Sobald du feststellst, dass du das Alkoholproblem deines Vaters oder deiner Mutter nicht lösen kannst, wird dich das frustrieren und verbittern. Du wirst immer wieder versuchen zu kontrollieren, weil alles um dich herum völlig außer Kontrolle gerät.

Aber Fakt ist: Du kannst die Sucht oder das Leben eines anderen Menschen niemals kontrollieren.

Erst wenn ein Suchtkranker sein Problem anerkennt und sich eingesteht, dass sein Leben nicht mehr funktioniert, kann eine Veränderung zum Besseren eintreten.

FREE E-BOOK DOWNLOADEN

Ein Leben in Co-Abhängigkeit ist ein Leben, dass nicht funktioniert

Ich wusste, dass ich mich elend fühlte, aber ich verstand nicht, warum mein Leben nicht funktionierte. ~ Melodie Beattie

Wenn Alkoholismus in der Familie eine immer größere Rolle spielt, fühlen wir uns manchmal wie Teil einer Zirkusshow.

Der suchtkranke Elternteil spielt den Zirkusdirektor – er allein bestimmt über den Verlauf des Familiendramas. Alle anderen Familienmitglieder treten unter seiner Leitung auf. Die Angehörigen haben ihre Rolle als Akrobaten perfekt einstudiert und sorgen für eine mitreißende Darbietung.

Jeder Angehörige eines Alkoholikers kennt dieses Gefühl sehr gut.

Als Cosüchtige sind wir nicht diejenigen, die unser Leben durcheinander bringen. Wir erwarten nicht, dass alle anderen gewillt sind, es für uns aufzuräumen.

Wir sind diejenigen, die Dinge in Ordnung halten und Verantwortung übernehmen. Wieso haben wir trotzdem das Gefühl, dass unser Leben nicht funktioniert?

Jeder von uns muss selbst die Wahl treffen, welche Rolle er in der Zirkusshow spielt.

Du entscheidest: Trittst du weiterhin als Akrobat auf oder bist du ab jetzt dein eigener Direktor?

Wie du den Kreislauf der Co-Abhängigkeit auflöst

Die gute Nachricht: Du hast die volle Kontrolle über dein eigenes Leben.

Die weniger Gute: Du kannst die Probleme anderer Menschen nicht für sie lösen.

Du kannst aber erkennen, wenn das Alkoholproblem deines Vaters oder deiner Mutter Zentrum deines Lebens ist. Du darfst das Drama um die Sucht loslassen, um die Spirale der Co-Abhängigkeit zu durchbrechen. Und trotzdem kannst du immer noch mit Liebe für deinen alkoholkranken Elternteil da sein.

Nimm dir einen Moment zur Selbstreflexion, wenn du:

  • Dich elend fühlst und nicht weißt, warum dein Leben nicht funktioniert
  • Angst und Schuldgefühle hast, wütend und verzweifelt bist, dich hilflos fühlst
  • Merkst, dass deine Laune stark vom Verhalten anderer abhängig ist
  • Dich immer um andere sorgst und dir die Energie zum Leben fehlt
  • Dich ständig fragst, wie du andere beeinflussen und kontrollieren kannst
  • Das Gefühl hast, dass du unter der Beziehung zu anderen leidest
  • Aufgehört oder nie angefangen hast, dein eigenes Leben zu leben

Antworte dann ehrlich auf die folgenden Fragen: Hast du

  • Ja gesagt, obwohl du Nein meintest?
  • Angst, deinen Gefühlen zu vertrauen?
  • Versucht, anderen auf eine Art zu helfen, die nicht geholfen hat?
  • Lügen geglaubt und dich im Anschluss betrogen gefühlt?
  • Negative Emotionen unterdrückt, wenn andere dich mit ihrem Verhalten enttäuscht haben?
  • Überreagiert, wenn andere dich mit ihrem Verhalten verletzt haben?

Was du in Zukunft besser machen kannst

Wir können und müssen uns selbst lieben lernen, damit wir uns mit Respekt und Freundlichkeit begegnen können. Um ein Leben in Harmonie und Selbstbestimmung zu leben.

Opfere und vernachlässige dich nicht mehr für andere – das ist pure Selbstzerstörung.

Kümmere dich stattdessen gut um dein Wohlergehen. Entwickle eine gesunde Beziehung zu dir selbst, indem du dich und deine Gefühle richtig wahrnimmst.

Mache dir klar: Einen alkoholkranken Menschen kannst du nur unterstützen, indem du den Fokus auf dein eigenes Leben richtest. Während du ihm die Freiheit gewährst, sein Leben so zu leben, wie er möchte.

Es tut weh und es ist schwer, aber: Akzeptiere und respektiere, dass dieser geliebte Mensch sich für ein Leben mit dem Alkohol entschieden hat.

Die Entscheidung für ein Leben ohne Alkohol muss er selbst treffen – es liegt nicht in deiner Macht.

Uns trifft niemals die Schuld, wenn ein geliebter Mensch an einer Sucht erkrankt. Wir dürfen das vertraute Familiendrama Alkoholismus hinter uns lassen. Es ist unser Recht nach einem Leben voller Freiheit und Autonomie zu streben.

Und dabei geht es nicht darum, sich von einem alkoholkranken Menschen egoistisch abzugrenzen. Es geht darum, ihn weiterhin fürsorglich zu unterstützen, ohne sich selbst dabei aufzugeben oder gar zu vergessen.

Wie du auf gesunde Art helfen kannst:

  • Setze Grenzen und stehe zu ihnen
  • Ziehe Konsequenzen, wenn es erforderlich ist
  • Vergebe, damit du Wut und Frustration loslassen kannst
  • Sorge für einen respektvollen Umgang gegenüber anderen und dir selbst
  • Schütze den Alkoholkranken nicht davor, Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen
  • Distanziere dich, wenn das Alkoholproblem droht, dich zu sehr einzunehmen

Fazit

Kinder alkoholkranker Eltern kennen es nicht anders: Wir kümmern uns um die ganze Welt, statt einmal etwas Gutes für uns zu tun.

Wir stehen immer voll und ganz im Dienste der Bedürfnisse anderer Menschen und finden keine Ruhe, ehe wir nicht ihre Probleme für sie gelöst haben.

Die Anerkennung, die wir dadurch erhalten ist uns scheinbar wichtiger, als unser eigener Weg. Dass wir dadurch unsere Träume, Wünsche und Sehnsüchte verleugnen, muss uns meistens erst schmerzhaft bewusst werden.

So wie du deines eigenen Glückes Schmied bist, bist nur du selbst für dein eigenes Leben verantwortlich.

Sorge jeden Tag dafür, dass du dein Leben so lebst, wie du möchtest – authentisch, lebendig und frei. Oder mach zumindest heute den Anfang. Denn du hast es verdient, glücklich zu sein.

Hast du heute schon etwas Gutes für dich getan? Hier findest du 10 kraftvolle Methoden für eine seelische Auszeit.

Magst du dich mit anderen über deine Erfahrungen austauschen? Die Cosucht Frei Community für Kinder von Alkoholikern ist für dich da!


Wenn Du den Artikel hilfreich findest und andere Betroffene mit diesem Beitrag unterstützen möchtest, freue ich mich, wenn du ihn teilst! Foto: unsplash.com

Tendierst du zu Co-Abhängigkeit? Wie gehst du damit um? Ich freue mich über deinen Kommentar!

Das könnte dich auch interessieren

Hinterlasse einen Kommentar

Mit Alkoholismus aufwachsen - eine co-abhängige TochterAngehörige Alkoholiker